Geschichte des Materials
Das Lexikon 7000 Jahre Handwerk und
Technik (Herrsching, 1986) schreibt zu Filz:
"Filz besteht aus den Haaren von Schafen,
Ziegen, Pferden, Hasen usw. Die Herstellung von Filz ist
kulturgeschichtlich älter als Spinnen oder Weben und wurde
von den Nomadenvölkern Zentralasiens nach China, Indien und
Europa gebracht. (...) Aber nicht nur Mützen, Stiefel und
Satteldecken, sondern auch Schüsseln und Teller werden, wo
Holz knapp ist, aus Filz hergestellt. (...) Homer erwähnt
Helmausrüstungen aus Filz. Hesiod nennt Filzhüte und
Winterschuhe aus Leder, die mit Filz gefüttert waren." (Sp.
168-169) Die Mongolen bauten im 13. Jh. "riesige Wagen, auf deren
Plattformen Filzzelte standen. Sie wurden von zehn und mehr
Ochsen gezogen." (Sp. 666-667) Klingt nach gemütlichen
Wohnwägen. Nach Herodot lebten auch die Skythen in
Filzzelten (s. Sp. 296-297).
Eigenschaften von Wollfilz:
Filz ist ein dichterer Stoff als Gewebtes. Er
läßt sich leicht als Ganzes formen (Hüte,
Schuhe...) und muß nicht genäht werden. Die
Herstellungszeit ist wesentlich kürzer als bei Webstoffen,
deren Garn auch erst gesponnen werden muß. Zudem ist er
leicht, stabil und wärmt gut - auch wenn er naß
ist.
Wolle, die mit ihrem natürlichen
Fettgehalt verfilzt wird, ergibt einen wasserfesten Stoff. Die
Wolle ist ein nachwachsender Rohstoff, deren "Lieferanten" meist
noch Milch geben oder als Lasttiere dienen.
Filz war lange fast auf Hüte und
Pantoffeln beschränkt. Ich finde es schön, daß
wir heute dieses alte Naturmaterial wieder verwenden und ihm neue
Zusammenhänge und Formen geben. Wird Filz z.B. mit
dünnen Stoffen wie Seide oder Chiffon gemischt, entstehen
feine Stoffe mit faszinierenden Strukturen (Nuno-Technik).
Für mich ist Filz auch ein wunderbares
künstlerisches Material.
Die Wollfäden durchdringen sich zwar
gegenseitig, aber die Farben können sich nicht mischen.
Dadurch bleiben die einzelnen Farben sichtbar. Es entstehen keine
stumpfen Mischfarben. Bevor die Wolle endgültig verdichtet
ist, läßt sie sich lange durch Dehnen und Schrumpfen
modellieren. Filz behält die Form, in die er getrocknet
wird, kann aber durch erneutes Naßmachen wieder umgeformt
werden. Das schafft Raum für kreative und spielerische
Experimente.
Wolle läßt sich sehr intuitiv
verarbeiten. Der Kopf kann mit anderem beschäftigt sein,
solange die Hände wissen, was sie tun. Die Farben und vielen
Möglichkeiten erlauben eine große künstlerische
Vielfalt, obwohl relativ wenig Energie zum Verarbeiten
benötigt wird - im Vergleich zu Holz, Glas, Metall oder
Stein. Es wiegt wenig im Transport und bricht nicht. Die Wolle
bringt eine Eigenwilligkeit in den Arbeitsprozeß, die oft
zu überraschenden Ergebnissen führt. Sie verhält
sich manchmal eher wie ein kreativer Partner als bloß
bearbeitetes Material zu sein. Zudem läßt sich beim
Filzen direkter der Entstehungsprozeß beeinflussen und
verbindet die verschiedenen Bearbeitungsformen.
Bei Holz und Stein wird abgetrennt,
während Glas, Ton und Metall verbunden und umgeformt werden.
Beim Filzen dagegen wird zunächst aus losen Partikeln
(Fäden) das Material aufgebaut und verbunden. Beim
anschließenden Verformen schrumpft und verdichtet die
Wolle. Diese Formgebung ist dem Verkleinern durch Abtrennen beim
Bildhauern vergleichbar.
Filz als Ausdrucksmittel
Das Verdichten der Wollfäden führt
auch zur Verdichtung künstlerischen Idee. Das Medium
öffnet einen Kanal, durch den die Filzskulpturen aus meinem
Unterbewusstsein erschaffen werden.
Von dort kommen auch die persönlichen Beziehungen zwischen
den Figuren, ihre Geschichten und
Erlebnisse.
Jedes Teil ist ein Unikat.
Man kann keine exakten Duplikate anfertigen.
Zum einen erlaubt der Filz mit seiner "chaotischen"
Verdichtungsstruktur dies nicht. Zum anderen fließt in
jedes Stück auch etwas vom Hersteller mit ein und niemand
ist dauernd gleich. In Serie gefertigte Teile, die absolut
identisch sind, entstammen unserer technischen Industrie-Kultur,
die damit auch etwas Unnatürliches in unser Leben bringt.
Gerade handverarbeiteter Filz als "lebendes" Material ist
für mich geeignet, dem entgegenzuwirken.
Bei Gebrauchsgegenständen wie Schals, Taschen
oder Schlüsselanhängern ist der Preis sowohl vom
verwendeten Material (Wollverbrauch, eingearbeitete Glasperlen
usw.), als auch von meiner Arbeitszeit abhängig. Ein
Schlüsselanhänger mit mehreren Blüten etwa dauert
länger in der Herstellung als eine kleine Tasche.
Zeitaufwendig sind auch eingefilzte Glassteine oder Münzen.
Alle Teile sind handgefertigte Unikate. Bei den Skulpturen steht der Kunstaspekt und mein
Ausdruck als Künstlerin im Vordergrund. Meine liebsten
Figuren, die ich nur ungern hergebe, kosten eben dementsprechend
viel.
Pflege-Anleitung
Filz kann mit Woll-Waschmittel in
Handwäsche gewaschen werden. Ist das Wasser wärmer als
handwarm kann er noch schrumpfen. Nasser Filz verliert die Form,
in die er getrocknet wurde. Dies ist bei Blumen, Fingerpuppen und
ähnlichen ausgeformten Objekten wichtig zu wissen. Vor dem
Trocknen sollten sie in die gewünschte Form gebracht
werden.
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